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1972-1 Roverfahrt nach Irland 1972  (2. Sept. - 26. Sept. 1972)

...mit 7 Teilnehmern, 5 Pferden und 1 Planwagen

Hamburg/Frankfurt - London - Dublin - Dromahair - Manohamilton - Kinlough - Bundoran - Ballyshannon - Donegal - Killybegs - (Mnt. Benbulben) - Drumcliff - Sligo - Dromahair - Dublin - London - Hamburg/Frankfurt


Teilnehmer:                                                                  Bilderserie:
     Manfred Brandt (Manni, Muddel)                                     Siehe: Bildergalerie
          Rolf Burfeind (Nuffy)
               Klaus Deutelmoser (Deutel)
                    Wolfgang Eils (Wetterkarl)
                         Robert Glier (Giel)
                              Wolfgang Otto Meincke (Otto)
                                   Gunter Vogt

Im Frühherbst des Jahres 1972 machten sich sieben junge Männer auf nach Irland, um mit einem Zigeunerwagen und vier Reitpferden einen Teil des Nordwestens der grünen Insel zu erkunden. Keiner von uns hatte zuvor etwas mit Pferden zu tun gehabt und wir waren alle gespannt, was uns erwarten würde.

Das Angebot, „Urlaub mit dem Zigeunerwagen“, steckte noch in den Anfängen und wir waren durch Zufall darauf gestoßen. Mit dem Flugzeug ging es am Sonnabend zunächst von Hamburg mit der Aer Lingus nach Dublin. Dort waren wir in einer Pension am Parnell Square untergebracht. Diese Pension von Sheila und Bill Matthews lag sehr zentral, gegenüber vom Rotunda Krankenhaus und nur knapp 200 Meter von der O’Connell Street entfernt. In den Folgejahren sind wir noch sehr oft bei Sheila als Logiergast gewesen, auch nach ihrem Umzug nach Ballsbridge.

Am Sonntag fand bei strahlendem Sonnenschein das Hurling-Endspiel zwischen Cork und Kilkenny im Croke Park Stadion statt. Dass konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. So pilgerten auch wir geschlossen zum Croke Park um uns dies urtypische irische Ballspiel anzusehen. Schon auf dem Weg zum Croke Park, aber auch im Stadion selbst, waren die lauten Rufe „Hats, Flags and Colours!“ der vielen Händler nicht zu überhören, die ihre Fan-Artikel „Hüte, Fähnchen und Schleifen“ an die Zuschauer verkaufen wollten. Anschließend wurde der erfolgreiche Abschluss des Spiels in einem Pub gefeiert. Wir hatten einen längeren Heimweg und Trinken und Laufen macht hungrig. Gegenüber unserer Pension war ein Imbiss „Wimpy“ und wir beschlossen, dort noch etwas zu essen. Als die ersten mit dem Essen fertig waren, bezahlten sie und gingen auf die Zimmer. Otto und Manfred hatten ihre Teller noch nicht leer und blieben zurück. Wir warteten auf die beiden auf unseren Zimmern. Als die Wartezeit doch schon recht lang währte schauten wir mal aus dem Fenster. Dort saßen die beiden noch immer vor ihren Tellern und waren am Essen. Endlich tauchten sie wieder auf. Nach dem Grund ihres späten Erscheinen gefragt, drucksten sie ein wenig herum. Schließlich rückten sie mit dem Grund heraus. Als sie bezahlen wollten, hatten sie alles was sie verzehrt hatten noch einmal aufgezählt und die Bedienung hatte dies als Bestellung aufgenommen und das ganze noch einmal serviert. Die beiden wussten sich nicht anders zu helfen als den 2. Gang auch noch zu verzehren. Da würden sie nicht wieder reingehen. Dafür hatten sie aber die Lacher und Spötter auf ihrer Seite.

Für den Montag Morgen hatten wir schon von zu Hause aus eine Besichtigung der Guinness Brauerei organisiert und hatten eine Zusage für 10:00 Uhr bekommen. Aber mit der Pünktlichkeit nahmen wir es nicht so genau, wir waren ja schließlich in Irland, wo man Zeit hat. Als wir mit einiger Verspätung am Empfang der Brauerei eintrafen und uns meldeten, erklärte man uns freundlich, der extra für uns abgestellte Führer habe lange gewartet und sei nun wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Wir stammelten eine Ausrede und die Dame am Empfang hatte ein gutes Herz. Sie telefonierte und der Führer, nennen wir ihn Bob, kam zurück. Wir entschuldigten uns noch einmal, und dann wurden wir von Bob durch die Brauerei geführt und in die Geheimnisse des Brauens des köstlichen Guinness eingewiesen. Zu der Zeit wurde man noch durch die Brauerei geführt. Heute gibt es nur noch einen Film zu sehen. Nach dem Rundgang ging es ans Verkosten. Bob ging mit uns in einen kleineren Raum, wo wir von der Masse der Besucher ungestört waren. Er hatte inzwischen auch keine rechte Lust mehr, an den Schreibtisch zurück zu kehren. Er ließ die verschieden gebrauten Sorten Guinness servieren. Als wir damit durch waren, fragte er, ob wir die Unterschiede geschmeckt hätten. Wir sahen uns an und verneinten. So kamen wir zum zweiten mal in den Genuss, die Sorten durchprobieren zu dürfen. Wir bedankten uns bei Bob, dass er sich trotz unserer Verspätung doch noch zur Führung bereit gefunden hatte, verließen die Brauerei und steuerten schnurstracks den nächsten Pub an um ein Pint Guinness zu trinken. Dann trollten wir uns zum Stephen’s Green um uns ein sonniges Plätzchen zum Ausruhen zu suchen.


Dienstag Morgen packten wir unsere Sachen, denn wir wurden mit einem kleinen Bus nach Dromahair abgeholt, wo das Abenteuer mit den Pferden beginnen sollte.

Spannend wurde es schon, als wir mit dem Satteln der Reitpferde und dem Anspannen von ,Charly’ vor den Zigeunerwagen „vertraut gemacht“ wurden. Einmal unter Mithilfe des Veranstalters und einmal alleine, und noch viele Tipps für unterwegs, dann konnte es fast losgehen. Vor dem für uns vorgesehen Zigeunerwagen hatte der Vermieter sein Auto geparkt und das musste zunächst beiseite gefahren werden. Die Frau des Vermieters drückte Wetterkarl den Autoschlüssel in die Hand, damit er den Wagen zur Seite fahren sollte. Es war schließlich ein deutsches Auto - ein Käfer - und das sollte für uns ja wohl kein Problem sein. Zum ersten Mal saß Wetterkarl in einem Auto mit Rechtssteuerung und folglich mit der Schaltung an der linken Seite. Bis auf den Rückwärtsgang fand er alle Gänge am Schaltknüppel, aber gerade der wurde dringend gebraucht, um den Wagen fort zu bewegen. Da kein anderer von uns einen Versuch mit der Schaltung machen wollte, blieb uns keine Wahl: Gang rausnehmen, Bremse lösen und kräftig geschoben, bis wir freie Fahrt für unseren Zigeunerwagen hatten.

Nun konnte es endlich losgehen. Wir bekamen eine Liste mit, auf der Farmen verzeichnet waren, mit denen der Veranstalter Verträge hatte, um dort die Pferde gegen einen kleinen Obolus auf eine Weide zu lassen und die Benutzung von sanitären Einrichtungen gestattet war.

Am frühen Abend erreichten wir unser erstes Tagesziel in Manorhamilton. Es war ein trüber Tag mit Nieselregen. Nachdem die Pferde abgesattelt und ausgeschirrt waren und friedlich auf der Weide grasten, bauten wir unsere Kote auf, denn wir brauchten einen Platz zum Schlafen. Der Zigeunerwagen hatte nur Platz für vier Personen und wir benötigten viel Platz als Stauraum für unsere persönlichen Sachen. Der Weide- und Lagerplatz lag ein wenig außerhalb des Dorfes und der Weg zum Pub war lang. Wir hatten wohl so etwas geahnt und vorsorglich, für Härtefälle, einen Karton Guinness mitgenommen. Doch was ist schon ein Karton für 7 durstige Personen?!

Nach dem Nieselregen vom Vortag schien am Morgen wieder die Sonne. Es war alles im Wagen verstaut und es sollte weiter gehen. Nur noch eben die Pferde einfangen. Das sollte laut Auskunft des Verleihers ganz einfach gehen. Ein wenig Hafer in den mitgeführten Eimer und die Pferde würden von alleine kommen. Aber dieser Tipp erwies sich als graue Theorie. Also mit 7 Mann ausschwärmen und die Pferde in eine Ecke nahe des Gatters treiben und gut bewachen. Wir hatten zwar nur 5 Pferde, die auch verschieden aussahen, bis auf zwei, die sich sehr ähnelten. Eines davon war ,Charly‘, das Zugpferd für den Zigeunerwagen. Hier gingen die Meinungen nun allerdings ein wenig auseinander. Wir waren anderer Meinung als die einheimischen Iren, die unser Treiben gespannt verfolgten. Sie behaupteten steif und fest, dass sie die Pferde kennen würden. Schließlich kämen diese hier regelmäßig mit den Touristen zum Rasten vorbei und die Iren sind bekanntermaßen Pferdekenner.

Leichtgläubig ließen wir uns zunächst überzeugen. Aber die vielen Versuche, das Pferd anzuschirren und vor den Wagen zu spannen, schlugen fehl. Wir gaben auf und versuchten es mit dem Pferd, das wir von Anfang an für ,Charly‘ gehalten hatten. Wenn auch widerwillig, ließ er sich doch vor den Wagen spannen. Nun mussten nur noch die anderen Pferde gesattelt werden und die Reise konnte weiter gehen. Aber wir hatten nicht mit der Sturheit von ,Charly‘ gerechnet. Er wollte sich nicht vom Fleck rühren. Alles Zureden und Locken mit dem Eimer mit Hafer nützte nicht. Bis einer auf die Idee kam, den Wagen anzuschieben. Gesagt, getan. Als der Wagen ein wenig rollte, bequemte sich auch unser ,Charly‘ und setzte sich in Bewegung.

Aus diesen Startschwierigkeiten haben wir gelernt. Als erstes haben wir uns ,Charly‘ genauer angesehen und nach Unterscheidungsmerkmalen gesucht, damit wir ihn morgens richtig zuordnen konnten. Nach zwei Tagen hatten wir auch erkannt, dass der Wagen beim Start am Morgen ein wenig abschüssig stehen musste. Dann zog ,Charly‘ ohne große Umstände an. Nur beim Einfangen der Pferde am Morgen haben wir keine neuen Tricks entwickelt. Das Spiel war jeden Morgen gleich: Ausschwärmen und die Pferde in eine Ecke treiben.

Kinder waren immer die ersten die auftauchten, wenn wir am Tagesziel angekommen waren oder eine Ruhepause einlegten. Es war uns schon aufgefallen, dass überall Plakate hingen, auf denen „Duffy’s Circus“ sein Erscheinen angekündigt hatte. So wurden wir dann auch einige Male von Kindern gefragt, ob wir der Zirkus seien. Für die Kinder sah es sicher auch so aus.

In Kinlough am Lough Melvin hatten wir einen schönen Lagerplatz direkt am Ortsrand auf einer großen Wiese mit prächtigem Baumbestand gefunden. Die Kote konnten wir ganz bequem an einem langen, dicken Ast aufhängen und für die Pferde war sehr viel Auslauf und Gras vorhanden. Wir fanden, es sei ein idealer Platz, zumindest so lange, bis irgendwann in der Nacht eine der auf der Weide grasenden Kühe sich mit einem dicken Strahl sich des Druckes ihrer Blase gegen die Kote erleichterte.

Am Nachmittag fand im Ort ein Dorffest statt, das von der Kirche veranstaltet wurde. Der Pfarrer hatte uns am Nachmittag schon einmal getroffen und uns nach dem Woher und Wohin ausgefragt. Auf einem Stoppelfeld fanden am Nachmittag ein Hurling-Match und Laufwettbewerbe statt. Das jeweilige Starterfeld für die Läufe, Kinder, Jugendliche, Unverheiratete, Verheiratete - jeweils nach Geschlechtern getrennt - wurde vom Pfarrer zusammengestellt. Er hatte alles fest im Griff. Als ihm zum Lauf der verheirateten Frauen die Teilnehmerzahl zu gering erschien, schaute er in die Runde, sah eine junge Mutter mit einem kleinen Kind und sprach sie an: „Du bist auch verheiratet!“. Die junge Frau gab ihr Kleinkind an die neben ihr stehende Frau weiter, zog die Schuhe aus, und lief auf Strümpfen mit wehendem Rock das Rennen mit.

Am Abend stand eine Tanzveranstaltung auf dem Programm und wir mitten mang. Nach irischer Tradition beginnen die Tanzveranstaltungen erst ab 22:00 Uhr und Alkohol wird auch nicht ausgeschenkt. Bis zum Beginn des Tanzens muss man seinen Teil an Alkohol also bereits konsumiert haben, wobei die Herren der Schöpfung sich nicht gerade zurück halten. Die Frauen sitzen wie auf einer Perlenkette in einer Reihe an der Wand und warten, dass sie, wenn die Musik zu spielen beginnt, zum Tanz aufgefordert werden. Einen Korb gab es nicht. Selbstverständlich musste der Tanzabend auch vom Pfarrer eröffnet werden. Da er uns entdeckt hatte, gab es für die ,deutschen Gäste‘ eine Ehrentanz, den Deutel und Nuffy mit Bravour meisterten. Den ganzen Abend stürzten wir uns ins Getümmel und ließen keinen Tanz aus.

Die Pferde waren wohl nicht ganz der gleichen Meinung über den Platz wie wir. Als wir am Morgen nach der durchtanzten Nacht aufstanden, konnten wir keine Pferde auf der Weide entdecken, sie waren weg. Was nun? Bald kamen auch die ersten Anwohner und beruhigten uns. Man habe schon bemerkt, dass die Pferde weggelaufen seien und wäre schon unterwegs und würde nach den Pferden suchen. Wir sollten uns nur nicht aufregen und in Geduld fassen. Außerdem könnten sie nicht weg, Irland ist ja eine Insel. Was blieb uns denn auch anderes übrig. Es dauerte nicht allzu lange, da hatten wir unsere Pferde wieder. Sie waren auf dem Weg in Richtung Heimat gewesen und im nächsten Ort aufgehalten worden. Vom Auto aus wurden sie von freundlichen Helfern wieder nach Kinlough getrieben und bei uns abgeliefert. Wir konnten uns nur bei den hilfreichen Einwohnern von Kinlough bedanken, bevor wir unsere Reise fortsetzten.

Wir hatten ein paar Karten nach Hause geschrieben und wollten sie bei der Post aufgeben. Ausserdem brauchten wir noch Fleisch fürs Essen. Gunter und Nuffy zogen also los, die Post zu suchen und einzukaufen. Der Zufall wollte es, dass der Postmeister gleichzeitig der Schlachter des Ortes war. Eine eigenartige Kombination aber für uns praktisch. Der gute Mann hatte einen Augenfehler, er schielte ganz gewaltig. Jedes Mal wenn er mit dem Hackebeil ausholte um ein Stück Fleisch auf dem Haublock zu zerteilen, schauten die beiden zur Seite, da sie befürchteten, dass er sich einen Finger abhacken würde. Es ging aber alles gut.

In Donegal Town war es mit einem Stell- und Weideplatz etwas schwieriger, aber es wurde eine Lösung gefunden. Der Zigeunerwagen wurde am Hafen abgestellt und die Pferde konnten wir etwa eine Meile vor dem Ort bei einem Blacksmith (Hufschmied) auf die Weide bringen. Dieser Blacksmith war schon ein echtes Original. Er hatte seine runde Nickelbrille grundsätzlich verkehrt herum auf der Nase, das heißt, die Rundungen der Bügel, die eigentlich hinter die Ohren gehören, zeigten nach oben. Sein Lebensunterhalt bestand in der Produktion von einigen Hufeisen am Tag. Diese verarbeitete er zum Teil weiter zu robusten Stühlen oder Bänken. Einige solche Exemplare konnten auf dem Hof bestaunt werden. In seinem kleinen Haus lebte er mit Frau, Tochter und Enkelkind.
Es war für den alten Mann eine Selbstverständlichkeit, dass wir das ,kostbare‘ Sattelzeug in seiner Stube auf dem Sofa aufbewahrten, was uns ein wenig peinlich war. Aber er beharrte darauf.

Abends kamen wir in Donegal an einem Pub vorbei, wo ein Schild an der Tür hing: „Doorprice tonight: a bottle Whiskey“. Nun wollten wir wissen, was es damit auf sich hatte. Also rein in den Pub. Für ein paar Pence gab es Garderobenmarken als Lose. Aus unserer Gemeinschaftskasse musste Deutel für jeden eine solche Marke erstehen. Später am Abend wurde dann das Gegenstück der Marke als Gewinn gezogen. Die „Lucky number 7“ hatten wir und damit ging eine Flasche Whiskey in unseren Besitz über. Das Schild von der Tür nahmen wir mit und hängten es ins Rückfenster unseres Zigeunerwagens. Dort wies es nun einen Zusatz auf. „We got it“.
Am Hafen in Donegal war es nicht möglich, die Kote aufzubauen. Nuffy und Giel hängten nach Einbruch der Dunkelheit ihre Hängematten an einem Hang zwischen zwei Bäume. Die anderen drängelten sich im Wagen. Nuffy hatte bei seiner Platzwahl im Dunkeln nicht bemerkt, dass sich unter seiner Hängematte Brennnesseln befanden. Als er in der Nacht einmal die Blase entleeren musste, machte er unliebsame Bekanntschaft mit diesen unangenehmen Pflanzen.

Wo wir mit unserer Wagen- und Reitertruppe durchkamen, erregten wir natürlich einiges Aufsehen. Zumal wir auch schon bald die vom Veranstalter vorgeschlagene Route verlassen hatten und auf eigene Faust Lagerplätze suchen mussten. Wir waren auf dem Weg nach Killybegs. Es war ein schöner warmer, sonniger Tag und um die Mittagszeit. Auf dem Weg dorthin liegt Mountcharles. Wie der Name ,Mount...‘ schon andeutet, es war eine gewaltige Steigung im Ort, die bewältigt werden musste. Wir haben lange beratschlagt, ob wir ,Charly‘ diese Steigung zumuten durften, meinten dann doch, dass wir es gemeinsam und mit gutem Zureden schaffen würden. Wir gönnten den Pferden noch eine Ruhepause, ehe wir uns an die Steigung wagten. Zwei Pferde vorweg, um ,Charly‘ Mut zu machen, einer führte ,Charly‘ am Zaumzeug und die restlichen gingen neben ;Charly‘ her und zwei Pferde als Nachhut. Für die Einwohner von Mountcharles muss dieser Aufzug ein großes Ereignis gewesen sein. Überall gingen die Türen auf und die Leute kamen, noch die Teller mit dem Essen in der Hand, auf die Straße um unseren Treck zu bestaunen. ,Charly‘ musste ganz schön arbeiten und hat sich tapfer geschlagen. Oben angekommen, wurde wieder eine lange Pause gemacht, damit die Pferde sich erholen konnten. ,Charly‘ bekam zur Belohnung eine extra Ration Hafer und einen Eimer frisches Wasser.

In Killybegs selber fanden wir keinen Stellplatz und wichen auf einen Campingplatz in Fintragh Bay außerhalb des Ortes aus. Es war ja um diese Zeit keine Saison mehr und so hatten wir auch mit den Pferden „no problem“. Auf dem Platz wuchs üppiges Gras und die Pferde sollten eigentlich nicht weglaufen können. Der Platz lag in einem kleinen Talkessel und nach vorne hin war das offene Wasser. Wir waren fest der Meinung, dass es den Pferden hier gefallen müsste und richteten uns auf dem Platz ein. Es gab auch einen Sportplatz, der halbwegs eingezäunt war und guten, üppigen Grasbewuchs aufwies.

Nach dem Abendessen machten wir uns auf um Killybegs zu erkunden und uns einige Pints Guinness zu genehmigen. Um dort hin zu gelangen nimmt man aber ja nicht die Straße sondern die Abkürzung quer durchs Watt, weil ja gerade Ebbe war. Und im Watt gibt es Priele, die einem den Weg versperren. Deshalb mussten wir einen schönen Umweg machen, um endlich ohne große Umstände durch den Priel zu kommen. Über die Straße wären wir genau so schnell im Ort gewesen. Das wäre aber zu einfach gewesen.
Für den Rückweg nach dem „time now, gents!“ nahmen wir aber die Straße. Das war unser Glück. Es war den ganzen Tag schon bedeckt gewesen und auch jetzt auf dem Heimweg war es recht dunkel. Auf halbem Weg zum Campingplatz hörten wir ein lautes Hufgeklapper auf der Straße und Funken flogen auf. Das konnten nur unsere Pferde sein, die uns im Galopp entgegen kamen. Instinktiv bildeten wir eine Kette quer über die Straße und fingen laut zu rufen an. Mutig warfen wir uns den Pferden entgegen und packten sie in die Nüstern, um sie zu stoppen. Irgendwie ist es uns in der Dunkelheit gelungen, alle 7 Pferde aufzuhalten und zu beruhigen. Aber wieso 7 Pferde? Wir waren doch nur mit 5 Pferden unterwegs. Unsere Ausreisser mussten noch zwei Kumpels gefunden und inspiriert haben, mit in die große Freiheit zu entfliehen. Das hat ja nicht geklappt und sie mussten alle 7 mit uns zurück zum Campingplatz. Da wir ihnen am Abend das Zaumzeug abgenommen hatten, packte jeder von uns ein Pferd in die Nüstern und führte es. Für die nächtlichen Autofahrer war dieser Treck sicher ein überraschender Anblick.
Wir sperrten die Pferde diesmal auf den Sportplatz und verbrachten eine sehr unruhige Nacht. Aber die Ausreisser hatten wohl genug von den Strapazen ihres Ausfluges und waren am Morgen noch alle friedlich am Grasen. Auf dem Rückweg sagten wir am nächsten Morgen in der Polizeistation des Ortes bescheid, dass auf dem Campingplatz zwei fremde Pferde zugelaufen seien.

Ich meine, es war bei Dunkineely, als wir nach einem geeigneten Platz Ausschau hielten. Auf einer Farm fragten wir jemanden, der draußen am Arbeiten war. Aber der war nicht kompetent: „Come and see the boss!“ war die Antwort auf unsere Frage. Also marschierten wir zum Haus, klopften an die Tür und trugen unser Anliegen erneut vor. Daraufhin wurden wir in die Stube geleitet, wo der Boss auf dem Sofa lag und in den Fernseher schaute. Er bequemte sich sogar hoch und aus dem Haus um sich unsere Truppe anzusehen. Wir fanden Gnade in seinen Augen und einen Platz auf dem Hof zugewiesen.

Nuffy hatte, da das Wetter mitspielte, seine Hängematte zwischen zwei Bäumen aufgehängt und die Nacht darin geschlafen. Er hatte heute Geburtstag und durfte ein wenig länger liegen, beziehungsweise hängen bleiben. Jeder der nun bei ihm vorbei gehen musste, schaukelte ihn erst einmal ein wenig in seiner Hängematte hin und her, bis ihm dieses „Geburtstagsspiel“ doch zu lästig wurde und er schließlich aufstand.

In Dunkineely kamen wir an der Post vorbei und lieferten einige Karten nach Hause ein. Als die Postmistress sah, wohin die Karten gingen, wurde sie ganz aufgeregt. Sie erzählte, dass in München bei den Olympischen Spielen etwas ganz Schreckliches passiert war und suchte nach der Tageszeitung. Auf diese Weise erfuhren wir von dem Überfall auf die israelischen Sportler im Olympischen Dorf.

Abgesehen von ihren nächtlichen Ausflügen war eigentlich alles problemlos mit den Pferden verlaufen. Sie waren ganz friedlich und umgänglich. Wir mussten uns allerdings zunächst mit den Eigenarten unserer Pferde ein wenig vertraut machen. So wurde „Judy“ bei Annäherung eines Lkw stets unruhig und scheute leicht, wenn man sie nicht am kurzen Zügel nahm. Beim ersten Mal erwischte es Otto. „Judy“ hörte das Brummen eines Lkw und mit einem Satz war sie mit Otto auf der anderen Seite der Steinmauer. Otto hatte bei diesem Sprung über die Mauer eine besonders lustige Form des Absteigens entwickelt und die Lacher auf seiner Seite. Es ist alles glimpflich verlaufen und er hat keine Verletzungen davon getragen. Nun musste „Judy“ aber zurück auf die Straße. Das gestaltete sich schwierig, denn wir konnten kein Tor oder Gatter in der Mauer finden und zurück springen wollte „Judy“ absolut nicht. Was tun? Nun sind die irischen Steinmauern nur aufgeschichtet und wir konnten ein Teil der Steine abtragen, bis wir ein große Loch geschaffen hatten, durch welches das Pferd bequem zurück auf die Straße gelangen konnte. Ob uns das Schließen des Lochs so gut gelungen ist, wie einem Irischen Farmer, mag bezweifelt werden. Aber die Lücke wurde wieder geschlossen.

Mein Reitpferd hörte auf den Namen Robin. Wir beide kamen ganz gut miteinander aus. Leider war das Sattelzeug wohl nicht das beste mehr und es hatte sich eine empfindliche Stelle aufgescheuert. Wir hatten schon beim Veranstalter angerufen und gebeten, das Pferd auszutauschen. Ich hatte Robin zwar noch einmal gesattelt, mochte aber nicht mehr aufsitzen. Wir hatten ihn an einer längeren Leine hinten am Wagen angebunden und er trottete brav hinterher. Irgendwann wollte ich ihn von diesem Los befreien und machte einen Versuch, ihn ohne Sattel zu reiten. Kaum hatte ich aufgesessen, war ich wohl auf die Druckstelle gekommen was Robin heftige Schmerzen bereitete. Er bäumte sich auf und warf mich ab. Dabei traf er mich mit einem Hinterlauf so unglücklich, dass mir bei dem Sturz ein Schneidezahn abbrach. Pech gehabt. Ich konnte Robin noch nicht einmal böse sein. Die Schuld lag allein bei mir und Robin musste wieder hinter dem Wagen hertrotten. Im Laufe des Tages fand uns der Veranstalter und holte ihn nach Hause.

Wir hatten einen Schlenker an die Küste gemacht und waren in Strandhill am Fuße des Knocknareas gelandet. Hier wollten wir einen Ruhetag einlegen. Die Pferde waren gut versorgt und wir kamen auf die Idee, den 1078 Fuß hohen Knocknarea zu ersteigen. Anstatt uns nach einem Aufstieg zu erkundigen, marschierten wir einfach drauf los und wollten den Gipfel auf direktem Weg erklimmen. Nuffy war nicht mitgekommen.

Das sah auch einfacher aus, als es sich gestaltete. Als wir los zogen war es noch feucht und neblig. Der Hang des Knocknareas bestand aus diversen Terrassen. Wir mussten uns über Steine, sumpfige Flächen und rutschige Partien nach oben kämpfen. Die meiste Zeit zogen wir uns am Gras auf allen Vieren nach oben. Bei der zweiten oder dritten Terrasse warf Otto das Handtuch und kehrte um. Er wurde später wegen „Verlassen der Seilschaft“ zu einer Runde Guinness verurteilt. Nach knapp zwei Stunden Kampf hatten wir den Sieg davon getragen und waren auf der Hochfläche angekommen. Endlich kam auch die Sonne noch durch und die Mühen des Aufstiegs wurden durch eine gute Fernsicht belohnt. Wir besuchten ,Grianags Bed‘, einen riesigen Haufen aufgeschichteter Steine, der sogar aus der Ferne auf dem Knocknarea zu erkennen ist. Hier fanden wir einen Stein, in welchem Versteinerungen von Algen zu erkennen waren. Nun begann eine Suche nach weiteren solchen Versteinerungen. Mit den Taschen voller versteinerter Algen als Souvenir machten wir uns auf den Rückweg. Dafür fanden wir den bequemen, ausgetretenen Weg, und der Abstieg war ein Kinderspiel. Für den Aufstieg wäre er auch viel einfacher gewesen. Wir hatten uns jedoch für den unbequemen Weg entschieden, was auch viel interessanter war.

Unsere Reise näherte sich dem Ende und wir machten noch einmal Station in Riverstown. Der Lagerplatz lag wieder im Bereich der Vertragsfarmen. Die Wiese war über eine schmale Einfahrt zu erreichen und gehörte zu einem Pub. Alle waren versorgt und der Abend sollte im Pub ausklingen. Nach dem ersten Pint wollte ich etwas aus dem Wagen holen und machte mich auf den Weg dort hin. Als ich in die Einfahrt einbog, kamen mir unsere Pferde entgegen. Alleine konnte ich sie nicht aufhalten. Ich bin also zurück zum Pub gelaufen, habe die Tür aufgerissen und nur kurz gerufen „Die Pferde reissen aus!“. 6 Mann sprangen auf und rannten raus um die Pferde aufzuhalten. Da die Gäste nicht wussten was los war, kamen erst einmal alle hinterher. Einige Pferde konnten wir noch aufhalten. Der Rest machte sich auf den Weg Richtung Heimat Dromahair. Sie wussten genau, wo es lang ging. Aber auch hier halfen uns die Iren wieder. Mit dem Auto fuhren einige hinter den Pferden her und trieben sie wieder zurück. Als sie endlich alle wieder auf der Weide vereint waren, wurde das Gatter doppelt und dreifach gesichert. Ab und zu ging mal einer von uns raus und schaute nach, ob noch alles in Ordnung war.

Es war Sonntag und der letzte Tag mit den Pferden. Von Riverstown ging es wieder zum Ausgangspunkt nach Dromahair zurück. Die Pferde merkten genau, dass es nach Hause ging. Sie waren recht unruhig. ,Charly‘ ließ sich auch erstaunlich bereitwillig vor den Wagen spannen. Unser Kassenwart Deutel ging derweil in den Pub um die Pacht für die Weide zu bezahlen. Nun ist es so, dass die Pubs in Irland während der Kirchzeit geschlossen werden müssen. Er hatte nun das Pech oder das Glück, dass er gerade zu dieser Zeit bezahlen wollte. Angeblich hatte man nach seinem Eintritt die Tür hinter ihm verschlossen und ihn nicht mehr rausgelassen. Wir waren ihm schon nachgegangen und hatten nach ihm gesucht. Die Kneipentür war tatsächlich verschlossen. So musste er notgedrungen einige Pints bis zum Ende des Gottesdienstes trinken. Sein Zustand war dann auch entsprechend.

Otto wollten wir das Aufsitzen in den Sattel zum Abschluss mal bequem gestalten. Er sollte von der Mauer aus aufsteigen. Die Idee war ja nicht schlecht. Nur das Pferd war nicht so begeistert. Es kostete uns doch erhebliche Mühe und Versuche, das Pferd im richtigen Abstand parallel zur Mauer in Stellung zu bringen. Letztendlich konnte Otto aber doch noch bequem aufsitzen und wir konnten auf den letzten Abschnitt der Reise gehen. Lange hielt es ihn jedoch nicht im Sattel und er führte sein Pferd am Zügel nach Dromahair. Eigentlich führte das Pferd mehr ihn, denn die Pferde waren kaum zu zügeln und auch ,Charly‘ fiel fast in Galopp. Sie wollten nur noch in den heimischen Stall zurück und so sind wir recht schnell wieder nach Dromahair gekommen.

Die Tour führte uns durch den Nordwesten Irlands durch Teile der Counties Sligo, Leitrim und Donegal. Nachdem wir uns in den ersten Tagen noch im vom Veranstalter empfohlenen Bereich bewegten, stießen wir in ‘Neuland‘ vor, das heißt, ab 15:00 Uhr am Nachmittag wurde nach einem Quartier Ausschau gehalten. Es wurde, meistens mit Erfolg, auf Farmen angefragt, ob wir nachts unsere Pferde weiden lassen und unseren Wagen abstellen könnten.

Wir haben uns fast ausnahmslos auf wenig befahrenen Nebenstraßen fortbewegt. Wenn es dann doch einmal durch verkehrsreiche Orte ging, wurde ‘Charly‘ vor dem Wagen am Halfter geführt. Auf diese Weise kamen wir auch ganz gut durch Sligo und haben keine Probleme mit den Verkehrsampeln gehabt. Auch mit dem Linksverkehr hatten wir keine Probleme, die Pferde kannten es nicht anders.

Von Dromahair wurden wir am Montag wieder mit dem Kleinbus nach Dublin zu Sheila und Bill gebracht. Den Nachmittag machten wir noch einige Einkäufe in Dublin und ließen den Abend in einem der ältesten Pubs von Dublin, im „Pat Conways“ ausklingen. Von dort hatten wir es nämlich nicht weit nach Hause, nur zwei Häuser. An der Theke wurde Wetterkarl von einem älteren, vierschrötigen Mann angesprochen. Er hatte wohl mitbekommen, dass wir aus Deutschland sind. „Please, tell me the tale of the piper of Hamelin“. Wir konnten uns zunächst keinen Reim darauf machen, was er von uns wollte, meinten nach Beratungen ,dass er vielleicht das Märchen vom Rattenfänger von Hameln hören wollte. Wetterkarl kramte nun in seinem Gedächtnis nach allem was er von dem Märchen wusste und versuchte es auf englisch zu erzählen. Der Alte war zufrieden und strahlte übers ganze Gesicht und bedankte sich mit einem Guinness bei ihm.
Zum Abschluss wollten wir noch etwas essen und dachten dabei, die Mahlzeit im „Wimpy“ gegenüber einzunehmen. Otto und Manfred wollten trotz allem guten Zuredens nicht mitkommen. Wir anderen ließen uns das Essen schmecken.

Am Dienstag brachte uns die Aer Lingus wieder nach Hamburg.

Im Juli/August 2004 aus dem Gedächtnis aufgezeichnet .Einen herzlichen Dank an Wetterkarl, Nuffy und Otto, die mir geholfen haben, Gedächtnislücken zu schließen.

©2004 Gunter Vogt


Es fehlen noch Erklärungen zu:
Hat jemand noch Aufzeichnungen, Dias, Bilder, usw.?

Weitere Erlebnisse, sowie Texte zu den nachfolgend aufgeführten Themen bitte an info@fliegender-pfeil.de

Anreise per Flugzeug von Hamburg nach London.
Dort trafen wir uns mit Nuffy, der von Frankfurt/M kam.
Gemeinsamer Weiterflug nach Dublin mit Air Lingus (Boeing 737).
Übernachtung in der "Stamm"-Pension "Sheila" nahe der O'Connell-Street. (jetzt Einkaufszentrum)
(umgezogen nach: Sheila & Bill Matthews, 5 Pembroke Park, Ballsbridge, Dublin 4, Irland - Pension "ELVA")

Sing-Song Pub "Bark Kitchen" am Liffey-River - 2 Lieder im Repertoire

Dancing trough the night - und die "verlorene Kamera" von Nuffy

Leitpferd Charly - Es gab kein Vorbei

Die Episode mit der Tochter vom Blacksmith

Tiefschlaf unter einem offenen, unbenutzten Wohnwagen

Dicke Backen - Während der Nationalhymne
Deutel hat sich kurz vor Gesangsbeginn der Nationalhymne um Mitternacht selbst in Bedrängnis gebracht. Er meinte noch schnell ein Pint Guinness leeren zu müssen. Hatte aber wohl nicht bedacht, daß das typische irische Getränk sehr viel Schaum entwickelt. So quollen seine Backen immer weiter auf. Notgedrungen mußte er, als alle Anwesenden sich schon erfurchtsvoll zur Nationalhymne erhoben hatten, sich zur Toilette durcharbeiten. - Blamabel -, aber er hat's gerade noch geschafft.

Time now. Um Mitternacht im Pissoir - Wer pinkelt wohin? - Ein warmes Gefühl am Bein
Um Mitternacht gibt es mehrfach Probleme in irischen Pubs. Bevor der Wirt "time now" ruft, sollte man genügend Stoff (Guinness) bestellt haben. - Meistens 3 Pint. Diese gilt es vor dem Abräumaugenblick zu verteidigen oder besser zu leeren. Da mehrere Gäste so denken, herrscht alsbald Hochbetrieb im Pissoir. - Eine angeregte Unterhaltung kann dort schon mal in warme Empfindungen übergehen. Nuffy fand es ohne eigenes zutun (?) nicht so toll, daß seine Hosenbeine sich dunkel färbten.

Ein echter irischer Pullover muß es schon sein

Noch ein Guinness - noch ein Irish Coffee

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