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1959-2 Italienfahrt der Sippe "Hinnerk von Borg" 1959

Teilnehmer:
Werner Buck (Bucki)
Helmut Buck (Bucki 2)
Uwe Paulsen (Mecki)
Werner Schwarz (Blacky)
Robert Glier (Giel)
Friedrich Kirk (Fietje)
Günther Hogenkamp (Käpt'n)
Dieter Beckmann (Becki)

Dieses Tagebuch soll nicht nur eine bloße Beschreibung der Reise enthalten, sondern ebenso kleine Erlebnisse wie auch Eindrücke, die wir von Land und von den Leuten erhalten haben. Es wird daher öfter vorkommen, daß der Reisebericht hinter einem Erlebnisbericht zurückbleibt.
Was vor der Fahrt war:
Eigentlich wollten wir in diesem Jahr in den Schwarzwald fahren. Doch ein Rundschreiben von "Menne" schlug in unserer Sippe wie eine Bombe ein und machte diesen Plan zunichte. "Wir fahren nach Italien und nehmen dort an einem Einsatz an deutschen Kriegsgräbern teil", das stand sofort fest. Ein langer Briefwechsel folgte. Endlich war alles in Ordnung. Wir hatten unser Einsatzgebiet und unsere Zuschüsse bekommen. Zwei Wochen vor Fahrtbeginn trafen wir unsere letzten Vorbereitungen in Form einer Wochenendfahrt in die Minstedter Heide. Dann ist es endlich soweit.

Die Fahrt

1. Tag, Samstag, der 18. Juli 1959

Um 8.30 Uhr versammelten wir uns alle bei Bucki. Hier überprüfte Becki noch einmal, ob auch alles vorhanden ist. 9.52 Uhr ist es, als der Triebwagen uns nach Hamburg bringt. Karl Drewes und mehrere Stunden Aufenthalt warten dort auf uns. Stud. jur. Karl führt uns in diesen Stunden durch Hamburg. Der Jugendsonderzug nach München nimmt uns auf. In dem Wagen herrscht drückende Schwüle, die auch vom Fahrtwind nicht gelindert wird. Unser Abteil wird bis zum Abend ganz besetzt, deshalb bereitet uns das Schlafen einige Schwierigkeiten. Bei etwas längeren Aufenthalten können wir uns auf einigen Bahnhöfen etwas die Füße vertreten. Auch Coca-Cola und Brause, die wir im Zug kaufen können, sind nicht mehr kalt genug und können unseren Durst nicht löschen. Eine E-Lok löst unser braves Dampfroß ab.

2. Tag, Sonntag, der 19. Juli 1959
Gegen 4.00 Uhr wachen wir alle auf. Noch schlaftrunken kommen wir in München-Ost an, wo wir glücklicherweise gleich einen Anschlußzug nach Kufstein bekommen. Glitt eben noch die Landschaft an den Fenstern vorüber, so verdecken jetzt Berge die Sicht. Urplötzlich treten wir aus der Ebene, die Vorboten der Alpen. Zu unserer linken fließt der schmutziggrüne Inn. In Kufstein werden unsere Pässe geprüft. Wir sind jetzt auf österreichischem Gebiet. Mit dem nächsten Zug trudeln die Lamstedter ein, mit denen wir eine kurze Strecke gemeinsam fahren. Jetzt sind wir mitten in den Bergen. Alle hängen aus dem Fenster. Wildbäche, Wasserfälle und verschwiegene Ortschaften ziehen vorüber. Ab und zu wird die Sicht durch einen Tunnel verdeckt. In Brennero ist wieder Ausweiskontrolle. Wir vernehmen die ersten italienischen Laute. Dann sind wir in Italien. Hinter dem Brenner wird es plötzlich angenehm warm. In Bozen trennten wir uns von Hubertus, der mit seiner Gruppe nach Bologna weiterfährt. Wir halten uns nur kurz auf und suchen zunächst einen Zeltplatz. Einen nicht gerade vorbildlichen finden wir endlich an der Etsch. Hier kommt der erste Kontakt mit den Italienern zustande. Die Verständigung geht über Italienisch und Französich. Wir teilen uns in zwei Gruppen. Helmut, Bucki, Blacky und Käpt'n ziehen los, um Bozen zu besichtigen, die anderen bauen inzwischen das Zelt auf. Abends gegen acht trifft die erste Gruppe mit viel Erlebnissen und acht Melonen wieder am Lagerplatz ein. Mecki, Tietje, Giel und Becki ziehen jetzt auf Erkundung und kommen spät, von zwei Glas Wein angeheitert, zurück. Bei vielen Italienern fühlen wir eine Antipathie gegen uns. Aber wir erleben auch das Gegenteil. Hierzu ein kleines Erlebnis. Ein kleiner Italiener schreit uns plötzlich "Heil Hitler" zu. Käpt'n ruft sofort zurück: "Nix Heil Hitler". Diese Szene beobachtet eine Frau, die nun furchtbar auf den Kleinen einschimpft. Der Bambino flüchtet sofort auf seinem Rad.

3. Tag, Montag, der 20. Juli 1959
Heute ist der erste Wandertag. Da wir uns von der langen Zugfahrt ausruhen müssen, schlafen wir bis acht Uhr, waschen uns, frühstücken, packen und verlassen gegen neun Uhr Bozen. Es ist schon sehr heiß geworden. Aber wir wollen zu Mittag noch in Monticolo sein. Es geht aufwärts. Bei jeder Gelegenheit nehmen wir eine Erfrischung wahr. Obwohl wir uns etwas verlaufen, finden wir nach einiger Zeit doch noch den "Lago Picolo". Hier gehen wir sofort baden, denn die Wasseraufnahmen unterwegs kühlten nur für kurze Zeit. Mecki, Giel und Helmut angelten mit Erfolg, obwohl es verboten ist. Abends, nachdem wir unseren letzten von zu Hause mitge- brachten Proviant verzehrt haben, ziehen wir weiter. Über Monticolo kommen wir nach Caldaro (Kaltern). Unsere Stimmung ist großartig. Da es schnell dunkel wird, schlagen wir in einem Obstgarten, der an einem Bach liegt, unser Zelt auf und klotzen nach Caldaro. Die Stadt sieht mit ihren modernen Häusern, die in einem alten Stil gehalten sind, prächtig aus. Im "Stern" essen wir pasta asciuta, ein billiges aber schmackhaftes Makkaronigericht. (Aus was soll es auch schon bestehen!) Dazu gibt es vino bianco. Etwas angeheitert suchen wir das Zelt auf.

4. Tag, Dienstag, der 21. Juli 1959
Um sechs Uhr sind wir wieder auf den Beinen. Nachdem wir uns im kleinen Bach gewaschen haben und unsere Taschen mit Äpfeln vollgestopft sind, maschieren wir gen Caldaro. Bucki, Becki, Blacky und Käpt'n kaufen unser Frühstück ein, das aus Weißbrot und Milch besteht. Kurz wird die Stadt besichtigt, und dann geht es mit der Seilbahn hinauf bis Mendola. 843 m steigen wir und befinden uns jetzt 1366 m über dem Meeresspiegel. Aber unser Marsch führt uns wieder etwas abwärts bis Rouffre` (1175 m). Hier machen wir Rast. Die Verständigung wird schwieriger. Hier spricht man plötzlich kein Deutsch mehr. Wir werden uns ein Lexikon kaufen müssen, da der Sprachführer nicht allen Anforderungen genügt. Am Nachmittag klotzen wir weiter. Fichtenwald nimmt uns auf. Wir entdecken unbekannte Pflanzen und Tiere. Links von uns liegt eine tiefe Schlucht. Unten rauscht ein Bach. Rechts ragen die Felsen in den Himmel. Nach kurzer Zeit erreichen wir Cavareno. Wir staunen über diesen netten Ort. Auch hier finden wir wie überall Brunnen, an denen wir unseren Durst stillen können. Auf dem Marktplatz angekommen, werden wir sofort von den Bambinos umringt. Alle zeigen reges Interesse für uns. Wir kaufen ein und verlassen den Ort Richtung Don. Wir wollen heute noch den "Lago di S. Giustna" erreichen, was wir aber trotz einiger Abkürzungen (oder gerade deshalb), nicht mehr schaffen. Wir schlagen unser Zelt an einem Bach auf. Zum Abendbrot essen wir Müsli und Pellkartoffeln. Es wird etwas frischer. Müde von den Anstrengungen des Tages schlafen wir ein.

5. Tag, Mittwoch, der 22. Juli 1959
Unsere Ruhe sollte nicht lange dauern. Gegen Mitternacht werden außer Mecki und Becki alle von der Kälte wachgerüttelt. Sie ver- lassen das Zelt und wärmen sich an einem schnell entfachten Feuer auf. Die Wachen werden verteilt. Dann rollt man sich ums Feuer und schläft. Jetzt sind auch Mecki und Becki wach. Wir frühstücken und sehen uns in der näheren Umgebung des Lagerplatzes noch etwas um. Nach kurzem Marsch erreichen wir den Don. Jetzt nimmt uns wieder eine malerische Landschaft auf. Die ge- waltige Schönheit zieht uns in ihren Bann. An einem großen Felsen, der über dem Bach liegt, machen wir halt. Ein idealer Tummelplatz für uns. Wir starten sofort eine Expedition. Im Bach waten wir unter dem Felsen unterdurch. Becki hat bald seine Hose naß (aber vom Bach!) und auch Käpt'ns Ärmel werden in Mitleidenschaft gezogen. Bald ist die schöne Rast zu Ende. Auf schmalem Pfad erreichen wir die Einsiedelei S. Romedio, die auf einem Felsvorsprung hoch über dem Bach liegt, und noch von Mönchen bewacht ist. Wir besichtigen die Einsiedelei und wandern dann unter glühender Sonne weiter. Vor Tavon soll ein See liegen, an dem wir rasten wollen. Doch wir haben Pech, der See ist Privateigentum und zum Baden ungeeignet. Zum Mittag gibt es schmale Kost, die nur aus einem kleinen Stück Käse besteht. In Coredo verpflegen wir uns mit Pfirsichen und kaufen ein. In der Ferne sehen wir den Dr. Oetker See (Lago si S. Giustina) leuchten. Also kann uns nichts davon abhalten, den Weg abzukürzen. Denkste! Wir landen mitten in der Wildnis. Aber was ein echter Pfadfinder ist, der findet einen Weg. Am See geraten wir unglücklicherweise in das Übungsgebiet von italienischen Soldaten. Überall im Gelände liegen getarnte Boote. Wir wollen den See umgehen, laufen uns aber fest und schlagen unser Zelt doch im Übungsgelände auf. Leider können wir nicht abkochen und so essen wir kalt und trinken dazu vino bianco, der die Stimmung gefährlich hebt, gefährlich deswegen, weil der Zeltplatz entdeckt werden könnte. Aber wir haben Glück, und da wir zum Umfallen müde sind, ist es mit dem Einschlafen nicht schwer.

6. Tag, Donnerstag, der 23.Juli 1959
Heute ist Ruhetag. So können wir einmal wieder richtig ausschlafen. Auch unsere Wäsche hat es nötig. Wir waschen sie im See und legen sie in die Sonne. Schon nach ungefähr einer Stunde ist sie wieder trocken und duftet köstlich frisch. Wir kochen heute zweimal ab. Mittags gibt es Nudeln mit Obst und abends Obstsuppe. Bucki und Käpt'n hätten für diese feinen Gerichte einen Orden verdient, so ausgezeichnet schmeckten sie uns. Wir baden im See und liegen faul in der Sonne. Giel, Becki und Tietje gehen nach Sanzeno zum Einkaufen. Heute gehen wir früh schlafen, denn wir wollen morgen um fünf Uhr aufstehen.

7. Tag, Freitag, der 24. Juli 1959
Tatsächlich sind wir heute morgen um halb sechs hoch, Bucki, Tietje und Helmut schon seit vier Uhr. Sie haben ein Bauernfrühstück gekocht. Vom Tassulo bringt uns die Kleinbahn nach Trient. Hier fragen wir uns bis zum Hauptpostamt durch. Bucki und Mecki erhalten Post. Am Nebenschalter kaufen wir Sondermarken. Draußen regnet es. Nachdem wir jeder 1 kg. Pfirsiche verkonsumiert haben, ziehen wir zur Bushaltestelle. Der Himmel ist schon wieder strahlend blau. Auf steiler, schmaler und gewundener Straße, die dem Fahrer seine ganze Kunst abverlangt, geht es nach Riva am Gardasee. Wir besichtigen die Stadt. Hier herrscht sehr viel Touristenver- kehr. Sogar ein Bremervörder Wagen begegnet uns. Nachmittags fahren wir mit dem Dampfer über den strahlend blauen See bis Malcesine, einem kleinen netten Ort mit viel Fremdenverkehr. Wir sind gezwungen den Campingplatz zu benutzen. Doch dieser ist schon überfüllt. Wir finden in einem Garten ein feines Plätzchen. Der Besitzer wohnt weit außerhalb, so daß wir ohne Erlaubnis unser Zelt aufschlagen. Wir baden im Gardasee. Abends bummeln wir durch Malcesine. Herrlich! Gegen 23 Uhr fängt es an zu regnen. Wir erreichen im Dauerlauf unser Zelt.

8. Tag, Samstag, der 25. Juli 1959
Heute morgen baden wir zum letzten Male im Lago di garda. Gegen zehn Uhr ziehen wir in die Stadt, um mit dem Bus zunächst bis Verona zu fahren. Hier lassen wir unser Gepäck im Bahnhof und nützen unsere Zeit für eine Stadtbesichtigung. In der Arena di Verona (Römisches Kolosseum) werden gerade "Macht des Schicksals" von Verdi und Goethes "Faust" gespielt. Der Zug bringt uns über Rimini nach Cervia, wo wir spät abends ankommen. Doch wir haben großes Glück. Mennes Rover unterhalten einen Pendelverkehr zwischen Bahnhof und Lager. Wegen der vielen Mücken wird uns geraten, am Strand in den Dünen zu schlafen. Gesagt, getan.

9. Tag, Sonntag, der 26. Juli 1959
Wir haben herrlich am Strand geschlafen. Gegen zehn Uhr ziehen wir zum Lagerplatz, wo wir unser Zelt aufschlagen. Das Gelände liegt direkt am deutschen Soldatenfriedhof Cervia. Zur Eröffnungsfeier kommen alle auf dem Thingplatz zusammen. Menne führt uns noch einmal den Sinn und Zweck des Lagers und des Einsatzes vor Augen, den einige Gruppen schon hinter sich haben. Mittags essen wir Obstsuppe. Es ist furchtbar heiß. Wir suchen alle den Strand auf und tummeln uns in der Adria. Abends treffen wir uns wieder auf dem Thingplatz zum Singen. Eine gemeinsame Runde am Strand mit den Lamstedtern, Himmelpfortenern, Basbeckern und Rotenburgern setzt den Schlußstrich unter diesen Tag. Während die Weinflasche kreist, tauschen wir unsere Erfahrungen aus, denn unsere Brüder aus dem Gau waren schon im Einsatz gewesen. Alle loben die Gastfreundschaft der Italiener.

10. Tag, Montag, der 27. Juli 1959
Morgens ziehen wir hinaus zum Strand, wo wir einige neue Lieder einüben. Die Hitze ist so groß, daß wir den ganzen Tag dort bleiben. Gestern abend sind die Selsinger eingetrudelt. Als es an zu dämmern anfängt, gehen wir in die Stadt. Doch wir kehren bald zurück, denn morgen wollen wir etwas früher aufstehen.

11. Tag, Dienstag, der 28. Juli 1959
Nachdem wir uns von Menne verabschiedet haben, klotzen wir zum Bahnhof. Ein bequem ausgestatteter Zug bringt uns nach Ravenna. Wir besichtigen die Stadt. Das Grabmal Theoderichs enttäuscht uns sehr. Wir hatten mehr erwartet. Nach einer kurzen Zugfahrt treffen wir abends in Alfonsine ein. Hier ist unser erster Einsatzort. Überall werden wir bestaunt. Wir fragen uns zum Friedhof durch, wo wir erfahren, daß die Gefallenen zum Gardasee überführt worden sind. Es wird also nichts aus unserer Arbeit. Bald steht unser Zelt vor den Mauern des Gemeindefriedhofes. Wir werden prächtig aufgenommen. Neben dem Friedhof liegt ein Haus. Auf dem Hof kochen wir ab und essen dort seit langer Zeit wieder einmal an einem Tisch. Käpt'n schreibt die Liste der Gefallenen ab. Wir unterhalten uns noch etwas mit unseren Gastgebern und gehen dann schlafen.

12. Tag, Mittwoch, der 29. Juli 1959
Nachdem wir noch einige Einzelheiten erfahren haben, verabschieden wir uns von unseren freundlichen Gastgebern und klotzen los in Richtung S. Bernardino, wo unser nächster Einsatzort ist. Mittags lagern wir vor einer Schule. Sofort werden wir wieder um- ringt. Becki läßt seine Wäsche in einem nahe gelegenen Bauernhof waschen. Als er sie wieder abholt, ist sie gestopft und geplättet! Zu Mittag essen wir Salat. Wir können das Olivenoel nicht vertragen. Becki spielt sich die Finger auf der Gitarre wund. Wir kommen mit einigen Italienern ins Gespräch. Nach einem längerem Marsch erreichen wir abends S. Bernardino. Dort suchen wir sofort den Friedhof auf, vor dessen Eingangsmauer das kleine Gräberfeld unserer gefallenen Brüder liegt. Es ist mit Unkraut bewachsen, sonst ist alles in Ordnung. Käpt'n und Becki gehen sofort zum becino (Friedhofswärter). Dieser fährt sie mit seinem Fiat herum, damit sie zu ihren Listen kommen. Ein herzlicher Kontakt zwischen den italienischen Jungen und uns kommt zustande. Wir werden zum Eisessen eingeladen, werden mit Früchten versorgt und müssen Adressen verteilen. Das Abkochen wird auch für uns erledigt. Gegen Mitternacht können wir uns endlich schlafen legen, nachdem wir Nachtwachen ausgelost haben.

13. Tag, Donnertstag, der 30. Juli 1959
Obwohl es mit der Nachtwache nicht geklappt hat, wachen wir recht- zeitig auf. Pünktlich um sechs Uhr erscheint der becino, der uns Werkzeug mitgebracht hat. Käpt'n und Becki fahren mit ihm zu den anderen Friedhöfen, um diese in Augenschein zu nehmen. Zu Mittag sind wir alle wieder zusammen. Die Gräber sind sauber. Mehrere Italiener haben uns geholfen. Ein Wagen steht für uns bereit, der uns nach S. Lorenzo bringt. Das haben wir natürlich nicht erwartet. Beim Abschied schenkt uns die Frau des becinos sizilianischen Wein ein, der uns köstlich mundet. Über Mittag lagern wir uns im Schatten guttragender Obstbäume. Becki fährt zum Einzelgrab nach Fusignano. Er ist rechtzeitig wieder zurück. Als es kühler wird, beginnen wir mit der Arbeit. Die Gräber liegen in einzelnen Gruppen über den Gemeindefriedhof verstreut. Mit ihren schlichten weißen Zementkreuzen heben sie sich für unsere Augen wohltuend von den marmornen zivilen Gräbern ab, die einer kleinen Kapelle gleichen. Der ganze Friedhof wirkt mit seiner hohen Mauer und diesen Familiengräbern wie eine Festung. Überall werden wir von den Photographien der Verstorbenen angestarrt. Menne mit seinen Rovern trifft ein und unterstützt uns tatkräftig bei der Arbeit. Sie schlagen ihr Zelt neben dem unseren auf. Zwei Italiener, mit denen Becki schon Bekanntschaft geschlossen hat, laden uns für den Abend zu sich ein. Gerne nehmen wir natürlich diese Einladung an und ziehen singend zu unseren Gastgebern, wo wir herzlich aufgenommen werden. Sofort setzt mam uns Wein, Pfirsiche, Weintrauben, Birnen und Pflaumen vor. Bald sind wir in netter Stimmung. Unsere Fahrtenlieder klingen durch die Nacht. Zu guterletzt schenkt man uns noch Rotwein ein. Nun genügt es tatsächlich. Wir bedanken uns und ziehen zum Zelt zurück. Nach einigen Scherzen schlummern wir bald ein.

14. Tag, Freitag, der 31. Juli 1959
Kurze Zeit brauchten wir noch, um die Gräber in Ordnung zu bringen. Weiter geht es nach San Maria in Fabriago, wo uns der größte Friedhof unseres Einsatzgebietes erwartet. Unterwegs werden wir noch von einer Italienerin mit Mineralwasser versorgt. Gegen Mittag erreichen wir den Friedhof, wo wir im Schatten der Mauer lagern. Bucki und Käpt'n gehen einkaufen. Während Giel kocht, beginnen wir mit der Arbeit. Hoch ist das Unkraut aufgeschossen. Der Friedhof unterscheidet sich kaum von dem in S. Lorenzo. Von einem ehemaligen Franzosen werden wir tat- kräftig unterstützt. Er war früher auch Pfadfinder gewesen, was man an seiner Hilfsbereitschaft merkt. Er verspricht uns, am nächsten Tag Geschirr mitzubringen. Die Harken und die Schaufeln, die wir von S. Lorenzo mitgenommen haben, reichen nicht aus.

15. Tag, Samstag, der 1. August 1959
Um fünf Uhr ist alles auf den Beinen. Nach dem Frühstück nehmen wir unsere Arbeit wieder auf. Auch der Franzose ist wieder da und hilft uns. Wir kommen schnell voran. Wie überall bekommen wir wieder schnell Kontakt mit den Menschen. Der Pastor läßt uns von der naheliegenden Kirche Pfirsiche und Wein schicken. Auch der Friedhofswärter aus S. Bernardino besucht uns und ist erstaunt, daß wir schon fast fertig sind. Käpt'n und Becki gehen am Nachmittag in den Ort um einzukaufen. Sie treffen dort unseren Freund in einer Gelateria und setzen sich zu ihm. Im Gespräch erfahren sie von ihm, daß er Kommunist ist, wie die meisten Leute in dieser Gegend. Sofort entwickelt sich eine heftige Diskussion, die auf französich geführt wird. Schließlich müssen sie sich trennen. Trotz ihrer abweichenden Weltanschaungen sind sie sich menschlich näher gekommen. Es ist bereits dunkel, als wir mit dem Abkochen beginnen. Ein Italiener kommt, um uns zum Fernsehen abzuholen. Nachdem wir unsere Suppe gegessen haben, ziehen wir mit ihm. Leider gibt es kein interessantes Programm, und wir können kaum mehr die Augen aufhalten. Um Mitternacht liegen wir endlich in unseren Schlafsäcken.

16. Tag, Sonntag, der 2. August 1959
Wir bringen heute die letzten Gräber in Ordnung. Um 10 Uhr wollen wir zur Kirche, stellen aber fest, daß zu dieser Zeit kein Gottes- dienst ist, obwohl es uns gesagt wurde. Bucki, Käpt'n und Tietje ziehen nach Fabriago und kaufen ein. Zu Mittag gibt es Kartoffelsuppe mit viel Fleisch. So gut hat es uns lange nicht mehr geschmeckt. Von Südwesten ziehen dunkle Wolken auf. Es wird ein Gewitter geben. Schnell bringen wir uns und unsere Sachen unter das Zelt, das wir zu einem Sonnendach umgebaut haben. Nach kurzer Zeit fallen die ersten Tropfen. Zwei Polizisten , die unsere Ausweise geprüft haben, kommen noch kurz vor dem bald einsetzenden Schauer fort. Plötzlich vernehmen wir ein gewaltiges Knallen. Sollten das kalte Schläge sein. Wir können uns diese Geräusche nicht erklären. Das Donnern eines Gewitters klingt anders und außerdem zucken nur wenige Blitze vom grauen Himmel. Doch bald finden wir des Rätsels Lösung. Die Wolken werden mit Raketen beschossen. Wir nehmen an, daß die Geschosse den Regen herbeiführen sollen. Schnell zieht das Gewitter vorüber. Frohen Mutes ziehen wir gen Lugo. Der Marsch macht uns keine Schwierigkeiten. Gegen Abend erreichen wir die Stadt. Wir schlagen unser Zelt hinter der Kirche, die dem Friedhof gegenüberliegt, auf. Heute abend wollen wir ins Kino. Neugierig werden wir im cinema betrachtet. Wir haben nur die Hälfte des Eintrittspreises bezahlt. Die Frauen bringen ihre Kinder mit. Rauchschwaden ziehen an die Decke. Während der ganzen Vorstellung ist es ein Kommen und Gehen. Wir schlendern noch durch Lugo und essen ein gelato (wunderbares Speiseeis). Bald gehen wir zum Zelt zurück.

17. Tag, Montag, der 3. August 1959
Um neun Uhr scheucht Becki alle hoch. Die Sonne hat das Zelt schon kräftig erwärmt. Am Brunnen waschen wir uns. Danach gibt es ein kräftiges Frühstück mit Kakao. Nach einer kurzen Mittagspause machen wir uns an die Arbeit. Der Friedhof ist wunderbar in Ordnung gehalten. Käpt'n und Becki hatten sich schon während ihrer Rundfahrt davon überzeugt. So brauchen wir nur den schriftlichen Teil erledigen. Leider ist der becino noch nicht da. Wir müssen warten. Um fünf Uhr ist der Friedhofswärter noch nicht erschienen. Nach kurzer Zeit versuchen Bucki und Becki es noch einmal. Da sie nicht zurückkommen, müssen sie Erfolg gehabt haben. Allmählich fängt es an zu dämmern. Da taucht plötzlich Ernst Tipke aus Selsingen bei uns auf. Wir tauschen unsere Erlebnisse aus. Auch sie werden mit ihrer Arbeit fertig, so daß wir nicht einspringen brauchen. Wir sind viel zu schnell mit unserer Arbeit fertig geworden. Wir helfen beim Pastoren das eben angefahrene Holz im Haus zu verstauen, essen etwas zu scharf gepefferten Weißkohl und ziehen, nachdem wir uns beim Pastoren für die freundliche Aufnahme bedankt haben, zum Bahnhof. In Castel Bolognese steigen wir aus dem Zug. Am Stadtrand suchen wir uns einen Zeltplatz. Es ist schon sehr kühl geworden. Das Gras ist naß, obwohl es nicht geregnet hat. Plötzlich blinkt vom 100 m entfernten Bauernhof ein Licht herüber. Becki läuft sofort hin. Vielleicht besteht die Möglichkeit, auf dem Stroh zu schlafen. Pech! Bevor Becki den Hof erreicht hat, er- lischt das Licht. Wir knüpfen weiter. Plötzlich wieder das Licht. Becki flitzt erneut los. Wieder das Gleiche. Wir sind gerade fertig, da wird das ganze Haus erleuchtet. Sollte es diesmal klappen? Becki versucht es aufs Neue, und hat Glück. Wir dürfen im Stroh schlafen. Es ist etwas eng, aber wir sind zufrieden. Es ist kurz nach Mitternacht.

18. Tag, Dienstag, der 4. August 1959
Nachdem wir uns beim Bauern bedankt haben, ziehen wir wieder nach Castel Bolognese. Dort frühstücken wir und klotzen in Richtung Riolo. Wir haben noch kein festes Ziel. Irgendwo in Apennin wird es bestimmt gefallen. Die Sonne setzt uns arg zu. In der Nähe eines Hauses machen wir im Schatten der Straßenbäume Rast. Vom Haus holen wir Wasser und be-kommen eine Feldflasche voll Wein mit. Größtenteils wird sie von Becki geleert. Daraufhin erhält er den Namen "SUFFI", obwohl er dagegen protestiert. Nachdem wir noch eine Melone erhalten haben, werden wir in eine Laube gebeten. Hier werden uns wieder Früchte aufgetischt. Nachdem wir unser nicht gerade schön gesungenes Dankeslied er- klingen ließen, brechen wir auf. Bald schon nimmt uns ein kleiner Wagen mit. In Riolo ziehen Käpt'n, Bucki und Becki auf Erkundung. Unten am Bach haben wir einen Zeltplatz gefunden, und da es uns hier gefällt, beschließen wir zu bleiben. Einige Freundschaften sind schnell geschlossen. Wir werden für den Abend ins Kino ein- geladen. Erst als wir unser Zelt aufbauen, sind wir wieder alleine. Wir essen mit Hackfleisch gefüllte Paprikaschoten mit Stampfkartoffeln. Es schmeckt uns ausgezeichnet. Im Ort ist die Hauptstraße für den Verkehr gesperrt. Die Fahrbahn wird von Tischen und Stühlen eingenommen. Eine kleine Kapelle sorgt für Unterhaltung. Es ist ein lustiges, zwangloses Treiben. Von unseren Freunden werden wir ins Kino bugsiert. Es bietet sich uns wieder das gleiche Bild wie in Lugo. Nach der Vorstellung setzen wir uns in der Nähe der Kapelle an einen Tisch und bestellen Eis bzw. Wein. Von überall, besonders von den schwarzhaarigen Bambinos, werden wir angestarrt. Als letzte erreichen Bucki, Käpt'n und Becki das Zelt. Sie hatten noch ein kleines Rendezvous mit der Sängerin der Kapelle.

19. Tag, Mittwoch, der 5. August 1959
Wir folgen "Brunos" Einladung und besichtigen die Therme von Riolo. Bruno, der hier beschäftigt ist, führt uns überall herum. Von dem heilkräftigen Wasser mochte keiner ein zweites Glas trinken. Mit einem Liter Milch im Magen ziehen wir zum Zelt zurück und schlafen etwas. Am Nachmittag baden wir an einer tiefen Stelle des Baches. Eine tolle Schlammschlacht entwickelt sich. Am Abend essen wir in einem kleinen Restaurant Pizza, die uns prima schmeckt. Hier werden wir morgen wieder einkehren.

20. Tag, Donnerstag, der 6. August 1959
Wir kommen erst gegen Mittag aus den Schlafsäcken, ziehen nach Riolo und essen dort wieder in unserer Pizzeria. Anschließend baden wir und lassen uns in der Sonne braten. Den letzten Abend in Riolo verbringen wir wieder mit unseren Freunden. Nach Mitternacht kommen Käpt'n, Bucki und Becki etwas sehr angeheitert zurück.

21. Tag, Freitag, der 7. August 1959
Heute beginnt unsere Heimfahrt. LEIDER, müssen wir sagen. Wir würden gerne noch etwas länger bleiben. Dem freundlichen Bauern, auf dessem Grundstück wir gezeltet haben, sagen wir durch ein Lied unseren Dank. In Riolo verabschieden wir uns von unseren Freunden. Wir versprechen ihnen, bald zu schreiben. In einem kleinen Restaurant nehmen wir, außer Becki, dem von gestern Abend noch etwas unwohl ist, eine Stärkung zu uns. Der Bus bringt uns nach Castel Bolognese, wo wir in den Zug nach Bologna steigen. Hier haben wir bis Mitternacht Zeit. Den ganzen Tag lang bummeln wir durch die Stadt. Wir kaufen Verpflegung für die Bahnfahrt ein und gehen in einer Gastwirtschaft essen. Darauf trennen wir uns und besuchen drei verschiedene Filme. Gegen Mitternacht nehmen wir eine weitere Mahlzeit ein. Wir müssen auf Vorrat essen. Hubertus, mit dessen Gruppe wir uns verabredet haben, ist nicht eingetroffen. Hoffentlich sind sie in Brennero. Hubertus hat den Sammelfahrtschein, ohne den wir nicht fahren können. Hoffentlich haben wir Glück! Die Nacht im Zug verbringen wir einigermaßen.

22. Tag, Sonnabend, der 8. August 1959
Morgens sind wir in Bozen, dem Ausgangsort unserer Wandertour. In Brennero ist kein Hubertus zu sehen. Was machen? Bleiben wir erst einmal im Zug. Und Frechheit siegt. Wir kommen durch! Becki sagt dem Schaffner, daß der Führer mit dem Sammelfahrschein am anderen Ende des Zuges sitzt. Unterwegs muß der Schaffner uns vergessen haben. Das wäre wieder einmal geschafft. In Kufstein verlassen wir sofort den Zug, merken aber, daß wir mit ihm weiter fahren müssen nach München. So übergehen wir unbewußt die Zollkontrolle. Becki fragt nach, ob der Zug in München-Ost hält, was der Schaffner ihm bejaht. In Rosenheim verbessert er sich und teilt uns mit, daß der Zug durchfährt. Kurz und gut, wir erreichen in letzter Minute per Straßenbahn den Jugendsonderzug, wo wir alte Bekannte von der Hinfahrt treffen. Am Abend singen wir noch mit ein paar Jungen und legen uns an den unmöglichsten Stellen schlafen (im Gepäcknetz, unter der Bank, im Gang!).

23. Tag, Sonntag, der 9. August 1959
Mit einiger Verspätung trifft der Zug in Hamburg ein. Alle sehen verschlafen aus. In der Imbißhalle nehmen wir ein kräftiges Essen ein. Die weitere Zugfahrt verbringen wir größtenteils mit Dösen. Erst vor Bremervörde werden wir wach. Nun sind wir an der Ostebrücke, die Schranken gleiten vorbei, dann sind wir auf dem Bahnhof, wo wir schon sehnsüchtig erwartet werden.

Die Fahrt ist zu Ende.

Nach kurzem Abschied trennen wir uns und suchen unsere -Wigwams- auf.

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